Fastovskij, Dr. Vitalij
Eine ganz normale Geschichte? Das deutsch-russische Verhältnis zwischen 1914 und heute Wenige bilaterale Beziehungen waren so spannungsreich und folgenreich wie die zwischen Deutschland und Russland. Im Zeitalter der Nationalismen wurde Russland für die einen zu einem Hort autokratischer Reaktion, für die anderen zu einem nützlichen Partner im Kampf gegen die polnische Unabhängigkeitsbewegung und sogar zum Hoffnungsträger einer konservativen Erneuerung Europas. Je nach historischem Kontext war das Vielvölkerreich Freund und Feind, totalitäre Besatzungsmacht und der „große Bruder“, aber nur selten ein Land, das in der kollektiven Vorstellung keine großen Emotionen hervorrief. War also das deutsch-russische Verhältnis eine „ganz normale" Geschichte zweier Nachbarn oder vielmehr eine Abfolge von Sonderwegen, Illusionen und Katastrophen? Dieser Kurs beleuchtet über ein Jahrhundert deutsch-russischer Beziehungen: von der Kriegserklärung 1914 über den Rapallo-Vertrag 1922, den Hitler-Stalin-Pakt, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, die Teilung Deutschlands im Kalten Krieg bis zur gescheiterten „strategischen Partnerschaft" nach 1990. Wir fragen: Welche historischen Kontinuitäten prägen das Verhältnis bis heute? Welche Rolle spielten politische Interessen, Illusionen und blinde Flecken, etwa in Bezug auf die Ukraine? Und welche Erkenntnisse lassen sich aus über 100 Jahren wechselhafter Geschichte gewinnen? Zur Person Dr. Vitalij Fastovskij wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster und spezialisiert auf die Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er hat zu verschiedenen Themen mit Osteuropa-Bezug gearbeitet, darunter zur Geschichte der Imperien, terroristischer Bewegungen, Migration sowie zur deutsch-sowjetischen Erinnerungsgesichte. Bevor er an die Universität Münster kam, arbeitete Vitalij Fastovskij am Institut für Zeitgeschichte (IfZ, 2012–2018) und an der JLU Gießen (2019–2022). Er war Fellow des German Historical Institute in Moskau (2016), Fellow am Instituut voor Oosters Christendom in Nijmegen (2017) und Fellow am Institute of European Studies der UC Berkeley (September 22–August 23).